
Ginn di Wueren déi mir konsuméieren duerch Innovatioun ëmmer besser, oder ass et heiansdo just ëmgedréint? Alles just Krëppeng? A sengem neie Buch “Die Verkrempelung der Welt” hëlt de Gabriel Yoran eis modern Konsumgesellschaft kritesch ënnert d’Lupp. Am Virfeld vu senger Konferenz dësen Donneschdeg 26.Februar, huet den Auteur, dee selwer mat grad emol 18 Joer seng éischt Firma gegrënnt huet, op e puer Froe geäntwert.
Wir alle haben heutzutage viel mehr «Zeugs» in unserem Zuhause als frühere Generationen. Was macht dieses Zeugs zu Krempel – und was meinen Sie mit «Die Verkrempelung der Welt»?
Ganriel Yoran: Mit „Krempel“ meine ich nicht einfach billige oder hässliche Dinge. Krempel sind Produkte, die schlechter sind, als sie sein müssten – oder sogar schlechter als ihre Vorgängermodelle. Dinge, die uns unnötig beschäftigen, die uns Zeit und Aufmerksamkeit abverlangen, obwohl sie uns eigentlich dienen sollten.
Im Buch beschreibe ich etwa einen modernen Herd mit Touchfeld, der in seiner Primärfunktion – dem Erhitzen – hervorragend ist, dessen Bedienung aber absurd kompliziert und schlechter als früher ist Solche Produkte verkörpern eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Rückschritt.
„Verkrempelung“ nenne ich den strukturellen Zusammenhang dahinter: Produkte werden nie besser, als sie unbedingt sein müssen. Oft werden sie sogar absichtlich verschlechtert – durch Kosteneinsparungen, durch Scheininnovationen oder durch Marketinglogik. Das betrifft nicht nur einzelne Gegenstände, sondern unseren gesamten Alltag.
Gab es einen konkreten Auslöser für das Buch?
G.Y.: Ja. Ein banaler Moment: Ich stand vor einem neuen Herd und verstand die Bedienung nicht mehr. Ich postete ein Foto davon – tausende Menschen reagierten zustimmend. Da wurde mir klar: Das ist kein individuelles Empfinden, sondern ein verbreitetes Gefühl. Viele haben den Eindruck, dass Dinge auf seltsame Weise schlechter werden – und gleichzeitig traut man sich kaum, das auszusprechen, ohne als nostalgisch oder fortschrittsfeindlich zu gelten. Dieser Widerspruch war der Ausgangspunkt: Warum erleben wir Rückschritte im Fortschritt? Und warum ist es so schwer, darüber zu sprechen?
Innovation ist das Zauberwort. Werden Produkte um der Innovation willen verschlimmbessert?
G.Y:: Sehr häufig, ja. Unternehmen müssen Nachfolgemodelle verkaufen. Dafür brauchen sie „Begeisterungsmerkmale“ – neue Features, mit denen geworben werden kann. Gleichzeitig verschwinden oft sogenannte „Hygienefaktoren“: Eigenschaften, die selbstverständlich sein sollten, deren Fehlen aber großen Frust erzeugt. Beim Duschschlauch etwa wird der beidseitige Drehwirbel eingespart – eine banale, aber entscheidende Funktion, damit sich der Schlauch nicht verdreht. Stattdessen werden für diese Cent-Bauteile Premium-Aufpreise mit viel Marketingklingel verkauft. Innovation wird hier zur Fortschrittssimulation. Es geht weniger darum, etwas wirklich besser zu machen, sondern darum, ein neues Verkaufsargument zu schaffen.
Gibt es noch hochwertige Waren – und sind sie für Normalverdiener zugänglich?
G.Y.: Ja, es gibt Produktkategorien, in denen gibt es eigentlich gar keine schlechten Produkte mehr: Es gibt keine tropfenden Wasserhähne mehr und Fenster sind so gut wie nie schlecht. Klappstühle waren mal ein Slapstick-Klassiker, weil sie so schlecht waren. Das ist auch vorbei. In manchen Nischen – etwa bei Kameras – sind die Produkte sogar hervorragend, weil sich die Hersteller auf anspruchsvolle Kundschaft konzentrieren, aber die Preise sind entsprechend. Im Massenmarkt ist die Logik oft eine andere: Dort dominieren große Konzerne und Oligopole. Marken suggerieren Vielfalt, doch oft stammen scheinbar konkurrierende Produkte vom selben Hersteller. Der Wettbewerb ist teilweise eine Inszenierung. Hochwertige Produkte existieren – aber sie sind oft teurer oder schwerer erkennbar. Und viele Konsumierende haben weder Zeit noch Fachwissen, um Qualität zuverlässig zu identifizieren.
Es gibt auch digitalen Krempel. Sind wir nicht alle täglich davon überfordert?
G.Y.: Wenn nicht überfordert, dann doch zumindest genervt! Verkrempelung betrifft nicht nur physische Dinge. Auch digitale Produkte verkommen. Plattformen verschlechtern sich systematisch – der Autor Cory Doctorow spricht von „Enshittification“. Apps drängen sich mit Push-Nachrichten auf, Waschmaschinen spielen Melodien, alles will Aufmerksamkeit. Dinge „wollen bedient werden“, statt uns zu bedienen. Viele Hersteller erfinden sinnlose Apps zu ihren Produkten, nur damit sie uns Werbung aufs Handy schicken können. Das ist doch kein Fortschritt. Digitaler Krempel ist besonders perfide, weil er keine materielle Form hat – er besteht aus Unterbrechung, Ablenkung und kognitiver Belastung. Es ist ein subtiler (und manchmal sehr offensichtlicher) Stress, der unseren Alltag durchdringt.
Sie sprechen von psychologischer Obsoleszenz und schreiben: „Den Planeten vollzumüllen, schafft Arbeitsplätze.“ Ist nachhaltiger Konsum überhaupt möglich?
G.Y.: Der Satz ist zugespitzt, aber er beschreibt ein reales Dilemma. Unser Wirtschaftssystem ist auf ständigen Absatz angewiesen. Ein dauerhaft gutes Produkt ist ökonomisch problematisch, weil es keinen Ersatzbedarf erzeugt. Wir sollen ethisch konsumieren – und gleichzeitig investieren viele von uns über Fonds und ETFs in genau jene Unternehmen, die durch Kostensenkung und permanente Produktzyklen Rendite erzeugen. Wir sind also doppelt verstrickt: als Konsumierende und als Anlegerinnen und Anleger. Ist nachhaltiger Konsum möglich? Ja – aber nicht allein durch individuelles Handeln. Solange die Hersteller nicht stärker in die Pflicht genommen werden, bleibt es beim „ein bisschen Richtigen im Falschen“. Die Frage lautet: Wie sollen wir das Richtige tun, wenn die Produkte selbst falsch konstruiert sind? Nachhaltiger Konsum ist möglich, aber nur, wenn auch die Produktionsbedingungen nachhaltiger werden – und dazu müsste man weg von dem Ruf nach andauerndem Wachstum. Ich mache mir da allerdings keine Illusionen, dass wir diesen Irrweg bald verlassen.
Pressematdeelung vum Institut Pierre Werner iwwer d’Konferenz vum 26.Februar:
Warum werden Dinge trotz technischer Fortschritte oft schlechter, komplizierter und schwerer nutzbar? Warum ersetzt ein Touchpad den praktischen Knopf am Herd oder im Auto – ohne dass dadurch ein wirklicher Mehrwert entsteht?
Auf Einladung des Instituts Pierre Werner spricht der Unternehmer und Autor Gabriel Yoran am 26. Februar um 19 Uhr in neimënster über die ökonomischen Anreizsysteme moderner Konsumgesellschaften. Ausgangspunkt des Abends ist Yorans vielbeachtetes Buch Die Verkrempelung der Welt, das analytische Schärfe mit pointiertem Humor verbindet. Mit „Verkrempelung“ beschreibt Yoran Scheininnovationen und den Prozess, durch den aus gut gestalteten Alltagsgegenständen unnötig komplexe, störanfällige oder unpraktische Produkte werden.
Im Gespräch mit dem Moderator des Abends, Christophe Langenbrink, zeigt Yoran anhand alltäglicher Beispiele, warum schlechte Produkte kein Zufall sind, sondern das Ergebnis von Marktlogik, Wettbewerb, Plattformökonomien und Innovationsdruck.
„Die Dinge des Alltags sind nicht egal“, betont Yoran. „Gute Dinge machen gute Dinge mit uns – und schlechte Dinge schlechte. Wenn wir die schlechten Dinge befragen, die Bedingungen, unter denen sie entwickelt und vertrieben werden, erzählen sie uns von den Ursachen, Mechanismen und Anreizsystemen, die sie schlechter sein lassen, als sie sein müssten.“
Die Veranstaltung richtet sich an ein breites Publikum und verbindet gesellschaftliche Analyse mit Humor, anschaulichen Beispielen und Erkenntnisgewinn.
Über den Autor
Gabriel Yoran, geboren 1978 in Frankfurt am Main, ist Unternehmer und Autor. Mit achtzehn gründete er sein erstes Unternehmen. Er promovierte über Spekulativen Realismus bei Graham Harman an der European Graduate School. Zuvor studierte er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin. Als Autor widmet er sich so unterschiedlichen Themen wie Kochen und klassischer Musik. Er ist Mitgründer mehrerer Unternehmen und Autor diverser Sachbücher, zudem schreibt er für den Merkur, Zeit Online, Krautreporter und die taz.
Infoübersicht
Termin: 26. Februar 2026, 19:00 Uhr
Ort: neimënster, 28, rue Münster, L-2160 Luxemburg-Grund
Veranstalter: Institut Pierre Werner
Der Eintritt ist frei / Anmeldung erwünscht: info@ipw.lu oder +352 49 04 43-1
Mehr Infos unter www.ipw.lu